Interview der Westfalenpost Arnsberg (20.5.2003) mit Gemeindereferentin Nicola Echterhoff
„Der Kirche fehlt es an Beweglichkeit“
Nicola Echterhoff: Mit Jugend ins Gespräch kommen
Oeventrop. Über Jahrhunderte war die Kirche Mittelpunkt des Lebens und Denkens. In Oeventrop steht die Kirche zwar mitten im Dorf, aber immer mehr Menschen gehen daran vorbei. Die WP sprach über dieses Thema mit Gemeindereferentin Nicola Echterhoff.
Westfalenpost: Wie erklären Sie diesen Verlust an Bedeutung und Einfluss?
Nicola Echterhoff: Es hat viele gesellschaftliche Veränderungen gegeben, hin zu mehr Individualität und Selbstverwirklichung, weg von der Gemeinschaft, auch durch Technik und Medien. Und es gibt einfach viel mehr Angebote wie Sekten, Okkultismus, Talkshows und ähnliches, in denen Menschen ihr Seelenheil suchen. Kirche ist aus dem Mittelpunkt gerückt.
Frage: Hat die Kirche sich nicht zu weit von der Lebenssituation des Einzelnen entfernt, besonders in Bezug auf Ehe, Familie und Sexualität?
Nicola Echterhoff: Die Kirche hat vielleicht in der Vergangenheit zu viel Druck ausgeübt, auch in moralischer Hinsicht. Sie hat sich zu wenig für die Veränderungen in der Gesellschaft interessiert und Gesetze auferlegt, die für die Leute so nicht mehr nachvollziehbar sind. Kirche sollte beweglicher sein - näher an der Basis.
Frage: Hochzeit, Taufe, Kommunion und Beerdigung - ist die Kirche nicht zu einer Art Serviceleistung geworden, ohne tiefere Bedeutung?
Nicola Echterhoff: Da steckt Wahrheit dahinter. Eine Hochzeit in Weiß ist einfach schön. Aber wenn Eltern sich bereits innerlich von der Kirche verabschiedet haben, fehlt die Basis. Eine Hinführung der Kinder ist dann nicht mehr selbstverständlich. Kirche kann nicht alles leisten.
Frage: Jugendliche sind voller Ideen, wollen die Welt gestalten. Wie können sie sich einbringen?
Nicola Echterhoff: Es ist nicht einfach, Jugendliche für die Kirche zu gewinnen. Viele können sich mit Gottesdienst und Amtskirche nicht identifizieren, haben das Gefühl, dass sie darin nicht vorkommen. Jugend provoziert und ist unangepasst. Das ist wichtig. Es geht nicht darum, das Haus Kirche zu füllen, sondern ins Gespräch zu kommen. Dies ist zum Beispiel im Jugendliturgiekreis, dem Jugendtreff-TOT möglich - und mit mir.
Frage: Wie sehen Sie Ihre Möglichkeiten als Gemeindereferentin, wieder mehr Menschen für Kirche zu begeistern?
Nicola Echterhoff: Ich glaube, es ist wichtig, dass man den Leuten mitteilt, dass man auf dem Boden geblieben ist. Ich will meine Überzeugung nicht aufdrängen, sondern gucken, wo der andere steht, und ihm dort begegnen.
Frage: Wie ist Ihre Wunschvorstellung von der Kirche der Zukunft?
Nicola Echterhoff: Ich wünsche mir Kirche, in der jeder die eigene Individualität leben und ausdrücken kann und "der andere" wichtig ist. Eine Kirche, die in Bewegung ist, die offen ist für Kritik und auf Fragen der Gesellschaft Antworten gibt. Eine Kirche, die so am Ball bleibt, ohne ihre "Fahne", das Evangelium, zu verlieren. Nicht Quantität, sondern Qualität ist wichtig.
Mit Nicola Echterhoff sprach Ute Vollmer.